Startseite » (Un)moderierter Affenzucker

(Un)moderierter Affenzucker

Eines der besonderen Merkmale der Hassisten von breitbart.com ist ihr Kommentariat. Selbst bei vergleichsweise harmlos formulierten Meldungen tobt sich ein offenbar völlig unmoderierter Mob aus – und wenn man die Sortierfunktion so einstellt, dass die beliebtesten Kommentare ganz oben erscheinen, sieht man auch schnell, welche Affen sich da gegenseitig Zucker geben. Nehmen wir beispielsweise die gestrige Axt-Attacke am Hauptbahnhof in Düsseldorf, die von Breitbart recht neutral als „Axeman injures several at German train station“ gemeldet wurde: Innerhalb weniger Stunden hagelte es mehr als 5000 Kommentare, und meistgeliket davon (mehr als 500 mal) war:

„Another day. Another Islamic terror attack. But.. but… but London Mayor Kaka Khan said we need to get used to it. How about, f uck you!“

Die Attacke hatte zwar nichts mit Terror zu tun, aber das spielt für den Breitbart-Mob bekanntlich keine Rolle.

Wie wird das eigentlich in Deutschland gehandhabt? Einige früher mit besonders trolligen und menschenverachtenden Kommentariaten versehenen Medien haben inzwischen durch Moderation ihrer Social-Media-Seiten ein menschlicheres Antlitz bekommen, andere haben dazu entweder keine Zeit oder kein Geld oder keine Lust. Dumm klickt halt gut.

Ich habe einmal versuchsweise einen Schnelldurchlauf durch die Facebook-Seiten einiger Medien gemacht –  und zwar bezüglich des das ganze Land schockierenden Mordfalls in Herne. Dort hat sich gestern der von der Polizei gesuchte Verdächtige gestellt. Das war verständlicherweise überall Thema, und wurde überall viel und heftig kommentiert. Vermutlich gab es überall Kommentare, die mit dem Verdächtigen kurzen Prozess machen oder ihn möglichst quälend töten wollten, aber ein Medium, das auch nur einen Funken Anstand im Leib hat, sollte zumindest die schlimmsten dieser Auswüchse wegmoderieren. Ist das tatsächlich passiert? Und wo nicht? Da ich keinen Einblick in die Interna der Social-Media-Redaktionen haben, zitiere ich im folgenden jeweils den aktuell meistgeliketen Kommentar unter der entsprechenden Meldung. Die Reihenfolge, in der die Medien hier aufgeführt sind, entspricht meiner persönlichen Einordnung, die schlimmsten zuerst, die besten zuletzt.

Stern: „Jetz kommt der in den knast und dann beansprucht er noch schön steuergelder und hier in deutschland sagt man ja das der knast sehr locker ist und es den dort viel zu gut geht das hat der nicht verdient!!! Er muss genauso hingerichtet werden wie er es den anderen angetan hat !!“

Focus: „Schade, dass die Bandidos nicht schneller Waren! Trzdm gute Arbeit von der Polizei, nur 3 Tage gebraucht um ihn im selben Ort festzunehmen!“

n-tv: „Schade das die Banditos ihn nicht zuerst erwischt haben…er hat auch noch schwein dabei…“

RT Deutsch: „dann mal viel spaß im knast….als kindermörder und dazu noch von nem kind von einem member von nem rockerclub….da hat er keine große lebenserwartung mehr….die regeln das dann schon…

Rheinische Post: „Wie es in unserem „schönen“ Land ist, wird er wahrscheinlich als psychisch labil in eine geschlossene Anstalt eingewiesen und nach fünf Jahren wegen guter Führung entlassen. Jeder CD Diebstahl oder Drogenkonsum wird höher bestraft als solch ein wiederliches Verhalten! Man sollte solche Menschen den Eltern der Kinder ausliefern.“

WAZ: „Ja und was passiert jetzt? Er wird nach Jugendstrafgesetzt verurteilt. Kommt dann in die Klappse fürn paar Jahre, dann wird er nicht mehr für gefährlich eingestuft und darf weiter machen.“

FAZ: „Anstatt ein paar Minuten zu warten um eine vernünftige Meldung mit Inhalt zu zeigen kann man auch mal einfach mal eine Überschrift posten. Alle haben es sicher super eilig zu erfahren, dass eine Person festgenommen wurde, aber noch nicht mehr bekannt ist. Das bringt extra Klicks und ohne unnötige Informationen bleibt mehr für die Kreativität.“

Süddeutsche Zeitung: „Ich würde ja sagen, dass der Rest Sache von Polizei und Justiz ist und nicht von wilden Spekulanten, welche meistens Praktiken fordern, welche sie unter dem Namen „Scharia“ verteufeln.“

ZDF Heute: „Ich bin froh, dass die Polizei ihn nun hat und dass er so mit rechtsstaatlichen Mitteln seiner Strafe zugeführt werden. Die Lynchaufrufe der letzten Tage haben mich sehr schockiert, zeigen sie doch ein Maß an Verrohung unserer Gesellschaft, dass ich nicht für möglich gehalten hätte.
Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt den Eltern des Jungen und den Familien beider Opfer. Ihnen wünsche ich Kraft und Beistand in dieser schweren Zeit.
Unserer Gesellschaft wünsche ich innehalten und starke Kräfte gegen den Hass.“

Bild: „Ich finde es sehr erschreckend das in den Kommentaren die schlimmsten Fantasiemorde gepostet werden. Rein mental sind diese Kommentarschreiber gar nicht so weit von diesem Mörder weg. Wenn so viele Leute über ihre Gewaltfantasien schreiben, muss man sich dann überhaupt noch Fragen wie es zu solchen Taten kommen kann? Der Mensch an sich neigt anscheinend zum Sadismus.“

Huffington Post: „Die Gewaltfantasien und Gewaltbereitschaft im Netz, ist ebenso erschreckend, wie die Tat selber. Geistig stehen diese Leute mit dem Täter auf einer Stufe.“

Tagesschau: „Der neunzehnjährige mutmaßliche Mörder muss im Rahmen unserer Rechtssprechung zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist gut, dass wir in einem Rechtsstaat leben und die Aufarbeitung von Verbrechen durch unsere Gesetze geregelt ist. Ein Großteil der bisher im Netz veröffentlichten Kommentare ist unerträglich und ist mit unseren Gesetzen nicht vereinbar.“

Spiegel Online: „Na Gott sei Dank bevor der Mob Zugriff, glücklicherweise leben wir in einem Rechtsstaat. Wohin würde es führen, wenn jeder Selbstjustiz verüben würde?! Genau in Ländern wie Nigeria oder Sudan.. Und mit diesen Ländern wollen wir uns ja wohl nicht auf eine Stufe stellen.“

RTL: „Ich bin müde, Boss… Am meisten müde bin ich, Menschen zu sehen, die hässlich zueinander sind. Der Schmerz auf der Welt und das viele Leid, das macht mich sehr müde. Es gibt zuviel davon. Es ist als wären in meinem Kopf lauter Glasscherben.“

Welt: „Liebe Leute! Jetzt ist aber mal Ruhe hier im Karton! Mindestens ein Mensch ist gestorben – der mutmaßliche Täter wurde festgenommen. Alle, die hier jetzt nach Lynchjustiz rufen und mit Gewaltfantasien um die Ecke kommen, werden von uns gesperrt. Wir greifen da rigoros durch. Solche Leute haben bei uns auf der Seite nichts verloren.“

Auf den Facebook-Seiten von (u.a.) Zeit, Neues Deutschland, taz, Tichys Einblick, Epoch Times, Junge Freiheit und Achse des Guten war die Verhaftung von Herne kein Thema.

Mein persönlicher Eindruck: Von den früher für besonders krawallige Kommentariate bekannte Seiten haben als gebrannte Kinder fast alle die Moderation deutlich verbessert, mit Focus als trauriger Ausnahme. Von den üblich verdächtigen Populisten ist hier nur RT Deutsch hoch in der Abscheu-Rangliste vertreten – die Rechtsaußenstürmer schauen wir uns noch mal an, wenn der mutmaßliche Täter kein blonder Deutscher ist.

5 comments

  1. stefanolix says:

    Zuerst: Ich habe selbst mit Entsetzen auf das Beispiel aus dem Focus-Kommentariat reagiert, als Schmalbart auf Twitter darauf verwies. Jedes Organ des Rechtsstaats muss jetzt seine Arbeit tun. Die Andeutungen von Selbstjustiz oder Knast-Gewalt sind einfach nur widerlich.

    Es wäre am besten, wenn die Standardprozedur lautete: »Ich warte bis zur ersten Pressemitteilung des Innenministeriumsm der Polizei oder Staatsanwaltschaft ab, bevor ich meine Meinung äußere.« Leider ist das lange nicht mehr so: es mag an der politischen Bildung, an der Medienkompetenz und am mangelnden Vertrauen in Staat und Medien liegen.

    Aber: Was da oben beschrieben ist, kann nur ein Stimmungsbild ohne Repräsentativität sein. Online-Stimmungsbilder sind schon durch wenige besonders Erregte, durch Aktivisten oder gar durch deren Sockenpuppen manipulierbar. Der am häufigsten »gelikte« Kommentar kann ein paar Stunden später schon ein anderer sein, die Stimmung kann extrem schnell ins Gegenteil kippen. Oder es stellt sich heraus, dass von völlig falschen Vermutungen ausgegangen wurde. Ich habe es anhand der Vorurteile und Vorverurteilungen gegen Dresden oder Sachsen oft genug erlebt.

  2. Detlef Gürtler says:

    In der Tat geht es mir hier nicht um Repräsentativität – eher darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich die Reaktion von Medien und Nutzern auf ein Groß-Ereignis zu einem Zeitpunkt darstellt, der relevant nach dem Ereignis liegt. In diesem Fall lagen zwischen dem Ereignis (Festnahme des Mordverdächtigen am Donnerstag Abend) und der Untersuchung (Freitag Mittag) etwa 16 Stunden, also genug Zeit für jede Social-Media-Redaktion, um a) etwas zu melden, b) die Kommentare auf die Meldungen zu registrieren, und c) moderierend einzugreifen. Letzteres ist (zumindest fast) überall passiert, und in einigen Fällen handelt es sich beim meistgeliketen Kommentar sogar um denjenigen der Redaktion, der zur Mäßigung aufruft.
    Dass es direkt nach solchen Ereignissen große Volatilität gibt, insbesondere wenn noch gar nicht alle Fakten bekannt sind, ist logisch und normal. Allerdings sollte jeder (nicht nur Medien), der sich in der Öffentlichkeit dazu äußert, mit dazu beitragen, dass daraus kein Lynchmob wird. Der Herne-Fall macht es für mich plausibel, dass das geht, und von den meisten bereits praktiziert wird. Ich bin in der Tat sehr gespannt, wie eine vergleichbare Übung aussieht, wenn es sich um einen nicht-weißen nicht-deutschen Tatverdächtigen handeln sollte…

  3. Victoria Scott says:

    Das Stimmungsbild ist übrigens etwas weniger drastisch, weil #ichbinhier einige der Artikel bearbeitet hat. Moderation machen leider nur die wenigsten Seiten….

  4. UweC says:

    So ist das also.
    Wenn ein ausländischer Mitbürger mit der Axt auf andere losgeht, ist der Aufreger nicht das Verbrechen oder der Verbrecher. Das läuft irgendwie unter Folklore.

    Der Aufreger sind die Kommentierer, die sind ganz furchtbar. Über die muss man mal so richtig herziehen.
    Erfreulicherweise wird das Problem gelöst. Die „Moderation“ wird laufend verbessert.

    Die beste „Moderation“ habe ich übrigens schon erlebt. In meiner Zeit als DDR-Bürger. Wie es aussieht, kann Herr Gürtler die Einrichtung der DDR 2.0 kaum erwarten.

    Trotzdem gut, dass Herr Gürtler keinen Hehl macht aus seiner verqueren Weltanschauung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.