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„Wer steckt hinter Macron?“

Nachdenkliche Töne gehören schon lange nicht mehr zum Markenkern der Nachdenkseiten. Stattdessen wiederholen sie die immer gleichen Parolen – plumpe Verschwörungstheorien inklusive.

Spätestens seit den französischen Präsidentschaftswahlen ist offensichtlich, dass das Links-Rechts-Schema zur politischen Standortbestimmung ausgedient hat. Denn wenn sich Linke nicht durchringen können, Emanuel Macron gegen Marine Le Pen zu unterstützen, zeigt das eindrucksvoll: Rechtsradikale sind ihnen nicht weniger fremd als Liberale.

Für viele Linke scheint der wahre Gegner sogar in der Mitte zu stehen – womit sie den Neurechten in nichts nachstünden, deren Vordenker den Liberalismus schon lange zum Feindbild Nummer Eins befördert haben.

Dass es zwischen beiden Lagern viele Gemeinsamkeiten und immer weniger Berührungsängste gibt, zeigt sich auch in der Medienlandschaft. So veröffentlichen die „rechten“ Deutschen Wirtschafts Nachrichten, die uns kürzlich durch ihre scheinheilige Flüchtlingsrhetorik aufgefallen sind, im März ein ausführliches Interview mit Albrecht Müller, Gründer und Macher der „linken“ Nachdenkseiten.

Wer eine kontroverse Debatte auf dem Niveau der Schmalbart-Lagerberichte erwartet hatte, sah sich jedoch getäuscht – der Interviewer der DWN beschränkte sich auf kurze Fragen und ließ dem 78-jährigen Müller viel Raum, um die Welt zu erklären.

Und in dieser Welt, das wissen Leser der Nachdenkseiten, sind die Rollen zwischen Gut und Böse klar verteilt; Übles droht vor allem von den USA, der EU und den Mainstream-Medien. Niemand hat den Müller‘schen Habitus besser beschrieben als Nachdenkseiten-Mitbegründer Wolfgang Lieb, der Ende 2015 im Streit ausstieg und dies mit populistischen Tendenzen begründete.

Pauschal-Kritik an den Eliten

Es reiche nicht aus, kritisierte Lieb in seinem Abschiedsbeitrag, „die Welt moralisch in „Freund“ und „Feind“ aufzuteilen und die Ursache nahezu allen Übels auf der Welt „einflussreichen Kräften“ (oft in den USA) oder undurchsichtigen „finanzkräftigen Gruppen“ oder pauschal „den Eliten“ zuzuschreiben. Die Reduktion gesellschaftlicher Konflikte auf einen Antagonismus zwischen „Volk“ und „Eliten“ halte ich für missbrauchsanfällig.“

Auch Müllers Medienkritik sei zu undifferenziert, monierte Lieb: „Mit einer pauschalen Aburteilung „der“ Medien als „Kampfpresse“ „als undemokratisch, als von Kampagnen, von Einseitigkeit, von Agitation und Dummheit geprägt“ mögen sich vielleicht Menschen bestätigt fühlen, die ohnehin der Meinung sind, wir hätten es ganz allgemein mit einer „Lügenpresse“ zu tun.“

Leider hat Liebs Kritik nicht gefruchtet. Im Gegenteil: Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Müller hat seinen Weg vom unbequemen Querdenker zum linkspopulistischen Verschwörungstheoretiker konsequent fortgesetzt. Das zeigte sich nach der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen in erschreckender Deutlichkeit:

Unter der Überschrift „Wer regiert die Welt? Wer steckt hinter Macron? Wer hat ihn in kurzer Zeit aufgebaut?“ vertrat Müller die These, dass Entscheidungen heutzutage nicht „in einem auch nur annähernd demokratischen Prozess“, sondern von „einflussreichen Kreisen“ getroffen werden. Zu denen gehören seines Erachtens: die „Rüstungswirtschaft“, die „Finanzwirtschaft“, „die Superreichen in der Welt“ und natürlich die Geheimdienste.

Macron – ein Werkzeug dunkler Mächte?

Details nennt Müller nicht. Aber immerhin weiß er, wo man nach den Lenkern des Weltgeschehens suchen muss: „Die Macher des Imperiums der USA sind Teil und Kern des inneren Zirkels der einflussreichen Kreise“. Zudem kennt er ihr neuestes Werkzeug: „Macron“, schreibt Müller, „ist ihr Mann“.

Man muss es so deutlich sagen: Statt nachdenklicher Töne dominieren bei den Nachdenkseiten plumpe Verschwörungstheorien; statt für Meinungsvielfalt stehen sie für die immer gleichen Parolen. Kurzum: Von den hohen Ansprüchen und hehren Zielen, mit denen das Portal 2003 an den Start ging, ist 14 Jahre später kaum noch was übrig.

Fast noch bedenklicher als die Inhalte finde ich aber, was dort nicht geschrieben steht. Eindringliche, emotionale Warnungen vor Le Pen habe ich jedenfalls vor der Stichwahl vergeblich gesucht. Stattdessen las ich mehrere Tiraden gegen Macron, den die Nachdenkseiten unter anderem als „neoliberalen Posterboy“ und als „Danaergeschenk Berlins“ titulierten.

Auch der Sozialist Benoit Hamon bekam sein Fett weg, nachdem er seine Wähler aufgerufen hatte, für Macron zu stimmen. Das sei „symptomatisch“ für europäische Linksliberale, kommentierten die Nachdenkseiten. „Jede noch so kleine Geste gegen „rechts“ wird bejubelt, während man nicht merkt, dass man das Land dem Neoliberalismus opfert und damit erst die Grundlagen für eine vielleicht kommende rechte Machtübernahme schafft.“

Die Logik wird mir freilich nicht ganz klar: Die Nachdenkseiten kritisieren einen Linken, der sich gegen eine Rechtsradikale ausspricht, weil das wiederum den Boden für rechte Machtübernahme ebnen könnte? Beim publizistischen Kampf gegen den liberalen Feind nehmen Müller und seine Mitstreiter offenbar nicht nur falsche Freunde, sondern auch argumentative Verrenkungen in Kauf.

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