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Autor: Daniel Schönwitz

„Wer steckt hinter Macron?“

Nachdenkliche Töne gehören schon lange nicht mehr zum Markenkern der Nachdenkseiten. Stattdessen wiederholen sie die immer gleichen Parolen – plumpe Verschwörungstheorien inklusive.

Spätestens seit den französischen Präsidentschaftswahlen ist offensichtlich, dass das Links-Rechts-Schema zur politischen Standortbestimmung ausgedient hat. Denn wenn sich Linke nicht durchringen können, Emanuel Macron gegen Marine Le Pen zu unterstützen, zeigt das eindrucksvoll: Rechtsradikale sind ihnen nicht weniger fremd als Liberale.

Für viele Linke scheint der wahre Gegner sogar in der Mitte zu stehen – womit sie den Neurechten in nichts nachstünden, deren Vordenker den Liberalismus schon lange zum Feindbild Nummer Eins befördert haben.

Dass es zwischen beiden Lagern viele Gemeinsamkeiten und immer weniger Berührungsängste gibt, zeigt sich auch in der Medienlandschaft. So veröffentlichen die „rechten“ Deutschen Wirtschafts Nachrichten, die uns kürzlich durch ihre scheinheilige Flüchtlingsrhetorik aufgefallen sind, im März ein ausführliches Interview mit Albrecht Müller, Gründer und Macher der „linken“ Nachdenkseiten.

Wer eine kontroverse Debatte auf dem Niveau der Schmalbart-Lagerberichte erwartet hatte, sah sich jedoch getäuscht – der Interviewer der DWN beschränkte sich auf kurze Fragen und ließ dem 78-jährigen Müller viel Raum, um die Welt zu erklären.

Und in dieser Welt, das wissen Leser der Nachdenkseiten, sind die Rollen zwischen Gut und Böse klar verteilt; Übles droht vor allem von den USA, der EU und den Mainstream-Medien. Niemand hat den Müller‘schen Habitus besser beschrieben als Nachdenkseiten-Mitbegründer Wolfgang Lieb, der Ende 2015 im Streit ausstieg und dies mit populistischen Tendenzen begründete.

Pauschal-Kritik an den Eliten

Es reiche nicht aus, kritisierte Lieb in seinem Abschiedsbeitrag, „die Welt moralisch in „Freund“ und „Feind“ aufzuteilen und die Ursache nahezu allen Übels auf der Welt „einflussreichen Kräften“ (oft in den USA) oder undurchsichtigen „finanzkräftigen Gruppen“ oder pauschal „den Eliten“ zuzuschreiben. Die Reduktion gesellschaftlicher Konflikte auf einen Antagonismus zwischen „Volk“ und „Eliten“ halte ich für missbrauchsanfällig.“

Auch Müllers Medienkritik sei zu undifferenziert, monierte Lieb: „Mit einer pauschalen Aburteilung „der“ Medien als „Kampfpresse“ „als undemokratisch, als von Kampagnen, von Einseitigkeit, von Agitation und Dummheit geprägt“ mögen sich vielleicht Menschen bestätigt fühlen, die ohnehin der Meinung sind, wir hätten es ganz allgemein mit einer „Lügenpresse“ zu tun.“

Leider hat Liebs Kritik nicht gefruchtet. Im Gegenteil: Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Müller hat seinen Weg vom unbequemen Querdenker zum linkspopulistischen Verschwörungstheoretiker konsequent fortgesetzt. Das zeigte sich nach der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen in erschreckender Deutlichkeit:

Unter der Überschrift „Wer regiert die Welt? Wer steckt hinter Macron? Wer hat ihn in kurzer Zeit aufgebaut?“ vertrat Müller die These, dass Entscheidungen heutzutage nicht „in einem auch nur annähernd demokratischen Prozess“, sondern von „einflussreichen Kreisen“ getroffen werden. Zu denen gehören seines Erachtens: die „Rüstungswirtschaft“, die „Finanzwirtschaft“, „die Superreichen in der Welt“ und natürlich die Geheimdienste.

Macron – ein Werkzeug dunkler Mächte?

Details nennt Müller nicht. Aber immerhin weiß er, wo man nach den Lenkern des Weltgeschehens suchen muss: „Die Macher des Imperiums der USA sind Teil und Kern des inneren Zirkels der einflussreichen Kreise“. Zudem kennt er ihr neuestes Werkzeug: „Macron“, schreibt Müller, „ist ihr Mann“.

Man muss es so deutlich sagen: Statt nachdenklicher Töne dominieren bei den Nachdenkseiten plumpe Verschwörungstheorien; statt für Meinungsvielfalt stehen sie für die immer gleichen Parolen. Kurzum: Von den hohen Ansprüchen und hehren Zielen, mit denen das Portal 2003 an den Start ging, ist 14 Jahre später kaum noch was übrig.

Fast noch bedenklicher als die Inhalte finde ich aber, was dort nicht geschrieben steht. Eindringliche, emotionale Warnungen vor Le Pen habe ich jedenfalls vor der Stichwahl vergeblich gesucht. Stattdessen las ich mehrere Tiraden gegen Macron, den die Nachdenkseiten unter anderem als „neoliberalen Posterboy“ und als „Danaergeschenk Berlins“ titulierten.

Auch der Sozialist Benoit Hamon bekam sein Fett weg, nachdem er seine Wähler aufgerufen hatte, für Macron zu stimmen. Das sei „symptomatisch“ für europäische Linksliberale, kommentierten die Nachdenkseiten. „Jede noch so kleine Geste gegen „rechts“ wird bejubelt, während man nicht merkt, dass man das Land dem Neoliberalismus opfert und damit erst die Grundlagen für eine vielleicht kommende rechte Machtübernahme schafft.“

Die Logik wird mir freilich nicht ganz klar: Die Nachdenkseiten kritisieren einen Linken, der sich gegen eine Rechtsradikale ausspricht, weil das wiederum den Boden für rechte Machtübernahme ebnen könnte? Beim publizistischen Kampf gegen den liberalen Feind nehmen Müller und seine Mitstreiter offenbar nicht nur falsche Freunde, sondern auch argumentative Verrenkungen in Kauf.

Echokammer für rechten Sound

Epoch Times Verkaufsbox in New York

Wie die Epoch Times etablierten Medien den Spiegel vorhalten: Ein Streifzug durch eines der erfolgreichsten Nachrichten-Portale der Republik.

Wahrscheinlich geht es Ihnen ähnlich: Ich stoße häufig auf Schlagzeilen der „Epoch Times“, vor allem auf Facebook. Doch da ich irgendwo gelesen hatte, dass die im Jahr 2000 von antikommunistischen chinesischen Dissidenten in den USA gegründete Zeitschrift inzwischen am rechten Rand der Medienlandschaft zu verorten ist, habe ich lange Zeit nicht geklickt.

Das hat sich geändert. Denn die Epoch Times, die seit 2005 auf Deutsch erscheint (erst als Wochen-, seit 2012 als reine Onlinezeitung), haben im März gleich zweimal meine Aufmerksamkeit geweckt. Erst, als die Berliner AfD einen Artikel auf Twitter als Beleg dafür anführte, dass es in Schweden drunter und drüber geht („ÖPNV in Teilen Schwedens eingestellt“).

Und nur wenige Tage später, als die Epoch Times in einem Ranking der meist-geliketen Medien den achten (!) Platz belegten – direkt vor dem „Postillon“ und mit großem Vorsprung vor den Online-Auftritten etablierter Medien wie der Süddeutschen oder der Frankfurter Allgemeinen.

Wie machen die das? Höchste Zeit, diesen „Hidden Champion“ unter die Lupe zu nehmen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Üble Verstöße gegen journalistische Standards, die ich durchaus erwartet hatte, sind mir bei meinem Streifzug nicht aufgefallen – zumindest nicht in Form systematischer Vermischung von Fakten und Meinung oder durch Hetze gegen Minderheiten.

Was dem Portal den Rechtsdrall verleiht, sind eher Themen-Auswahl und Schwerpunkte. Auffallend viel Raum bekommen zum Beispiel: Frauke Petry und die AfD, der ungarische Ministerpräsident Victor Orban und diverse Kritiker der EU, der Massenmedien und der deutschen Flüchtlingspolitik.

Wut-Postings und Handtaschen-Diebstähle

So ist der Redaktion ein „Wut-Posting“ des österreichischen Extremsportlers Felix Baumgartner zur Griechenland-Politik der EU („DUMMHEIT & ARROGANZ haben einen Namen- ANGELA MERKEL & JEAN CLAUDE JUNCKER“) genauso eine Meldung wert wie das neue Buch eines gewissen Franz Schabhüttel, Ex-Leiter eines Flüchtlingsheimes.

Klein-Kriminalität scheint die Redakteure in besonderem Maße zu beschäftigen; selbst über einen Handtaschendiebstahl im nordrhein-westfälischen – der Täter hatte ein „südländisches Erscheinungsbild“ – wird detailliert berichtet („Rentnerin (76) Handtasche brutal entrissen – Opfer stürzte auf den Kopf“)

Und dann natürlich die Medien. Besonders ausführlich widmeten sich die Epoch Times jüngst einem Interview von Wolfgang Herles mit dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz aus „Tichys Einblick“ („Medienwissenschaftler: Den klassischen Massenmedien schwimmen die Felle allmählich davon“), in dem unter anderem kritisiert wird: die „totale Herrschaft“ Merkels, deutsche Gesinnungsjournalisten und mediale Hysterie.

Überhaupt greift das Portal immer wieder Beiträge konservativer und (neu-)rechter Medien auf, etwa der „Jungen Freiheit“ und der Internetzeitung „Die freie Welt“, die Beatrix-Gatte Sven von Storch herausgibt. Dort geht es bisweilen derb zu, wie etwa in diesem Text über die Grünen.

Schwer erträgliche Lektüre für Liberale

Derbe Töne scheinen die Epoch Times jedoch nicht zu stören, sie greifen den Text auf und zitieren wörtlich: „Wie freiewelt.net berichtet, verunglimpfen die Grünen in NRW jetzt politische Mitbewerber auf besonders widerliche Weise.“

Klar: Sie machen sich die Position nicht zu Eigen – legen sie aber ausführlich dar, haben keine Scheu vor tendenziösen Formulierungen und lassen die Kritisierten nicht zu Wort kommen. Auf diese Weise fungieren die Epoch Times als eine Art Echokammer, die rechte und populistische Töne verstärkt – ohne störende Nebengeräusche.

Die Themenschwerpunkte – sowie etliche einseitige Meldungen und stark zugespitzte Überschriften – machen die Lektüre für einen Liberalen jedenfalls schwer erträglich. Aber womöglich geht es manchen Rechtskonservativen ähnlich, wenn sie etablierte, eher liberale Medien lesen?

Die Epoch Times geben solchen Lesern eine mediale Heimat; sie covern Themen und Personen, die nach deren Eindruck in den „Mainstream-Medien“ zu kurz kommen. Und weil die Redakteure meist wohldosiert formulieren und selten über die Stränge schlagen, erreicht das Portal auch bürgerliche Rechte. Dazu eine hochprofessionelle Social-Media-Strategie – fertig ist das Erfolgsrezept.

Wäre dem Ganzen die Basis entzogen, wenn sich (Rechts-)Konservative in etablierten Medien wieder eher zuhause fühlen? Mir hat der Streifzug jedenfalls vor Augen geführt, wie frustrierend es sein kann, wenn die Themen und Perspektiven aus dem eigenen Milieu in der Berichterstattung außen vor bleiben.

(R)echte Fründe

Die scheinheilige Flüchtlingsrhetorik der Deutschen Wirtschafts Nachrichten.

Was ich den selbsternannten Gralshütern des unabhängigen und unbequemen Journalismus wahrlich nicht vorwerfen kann, ist Hass und Hetze auf Minderheiten. Denn ja: Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten erinnern immer wieder an die Menschenrechte.

So warnten sie jüngst unter der Überschrift „Wahlkampf: Bundesregierung will Handys von Asylbewerbern kontrollieren“ vor einem „fragwürdigen Eingriff in die Privatsphäre“. Die Menschenrechte würden „massiv beschränkt“, wenn die Behörden Handys ohne richterlichen Beschluss „durchforsten“ dürften, hieß es in einem weiteren Beitrag zum Thema.

Was geradezu gutmenschlich klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als sanftes Intro für unsanfte Kritik. Denn die anschließende Botschaft lautet: Kontrollen wären „nicht nötig, wenn sich die Bundesregierung zu einem ordentlichen Grenzschutz und einer kontrollierten Einwanderung aufraffen könnte“ (zudem konstatieren die DWN Wahlkampf-Kalkül, um „vor allem der AfD“ das Wasser abzugraben).

Die Logik leuchtet ein; wenn Flüchtlinge bleiben müssen, wo sie sind, können sie schließlich auch nicht kontrolliert werden. Aber schon eindrucksvoll, wie sich vermeintlich „echte Fründe“ (deren Verlässlichkeit in der Not die „Höhner“ besingen) innerhalb weniger Zeilen als Befürworter einer restriktiven Flüchtlingspolitik outen. Am Ende der Lektüre bleibt der Eindruck: Die menschenfreundlichen Töne sind hübsche Garnitur für hässliche Botschaften.