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Wann kommt die Erschöpfung (2)

Im ersten Teil hatte ich festgestellt, dass Hass und Feindschaft psychische Ressourcen sind, die sich sehr gut selbst in Gang halten können. Eher kommt man nach einem Anfall heftiger Verliebtheit wieder auf vernünftige Gedanken, als wenn die Seele von einem Hass befallen wird, z.B. vom Hass auf Ausländer, auf die Regierung, die Bürokratie oder auf Meerschweinchen.

Warum ist dann aber nicht noch viel mehr Feindschaft in der Welt? Weil Hass nicht so fürchterlich ansteckend ist. Im Gegenteil: Er hat etwas Abstoßendes …

3. Politisch eindimensionale Kommunikation finden Menschen auf die Dauer anstrengend und überflüssig

Ich frage mich, ob wir jetzt etwa schon die Vorzeichen dieser Erschöpfung sehen? Zumindest bei denen, die mit den Hassern politisch sympathisieren, ohne selbst so verkürzt zu denken?

Es gibt entsprechende Beobachtungen. Zum Beispiel lese ich bei Dushan Wegner, ein halbprominenter Artikelschreiber und ultra-besorgter Konservativer, mit Kolumnenplatz bei Tichys Einblick und entsprechend intellektuellem Profil:

„Ich war die letzten Wochen still, zumindest hier. … Nicht, weil ich nicht erbost gewesen wäre. … Der Grund ist ein anderer: Es langweilt mich, zu sagen, was ich doch schon früher gesagt habe. Was soll man kommentieren? … Soll man jammern über den Untergang des Westens, befördert von ‚Gutmenschen‘ und beklatscht von ‚linkem‘ Selbsthass? … Selbst wenn Deutschland die Regierung Merkel im Wahljahr 2017 abschüttelte, was Menschen guten Willens diesem wunderbaren Land doch wünschen müssten, was wäre derzeit die Alternative? … Egal, was und wer kommt, der von der Regierung Merkel-Maas angerichtete Schaden wird noch Jahre und Jahrzehnte nachwirken. Ich werde mit Kommentaren und Analysen wenig daran ändern.“

Mit dieser Melancholie bezahlt man, wenn man radikale Ideologeme und Bilder zu unkritisch inhaliert hat.

Die seltsame Pathetik von Dushan Wegner kann man außer Acht lassen, es geht ums Erschöpfungssyndrom als solchem. Schon vor Längerem waren mir auf dem nationaldenkerischem Unterhaltungsblog „Sezession“ Anflüge rechter Melancholie aufgefallen (ein Ideenzentrum der AfD, Motto: „Etiam si omnes – ego non“, zu dt. sinngemäß „Wenn mir drei Ärzte sagen, dass ich krank bin, meine ich trotzdem, ich sei gesund“) .

Bei dem erschöpft klingenden Wegner wittern nun einige Kommentierer Kapitulationsbereitschaft und rufen zurück zum Gefecht, andere teilen das Gefühl, dass es nicht voran geht („Wir sind im Krieg. Im Krieg gegen die Lüge …“, „Resignation ist Kapitulation“, „momentan habe ich mich für die innere Emigration entschieden“, …) .

„Der Untergang des Westens“ ist eine distanzlose Übertreibung (auch wenn Dushan Wegner beim Definieren zu abstrakter Form aufläuft: „‚Der Westen‘ ist ein Gedanke. Für mich ist ‚der Westen‘ das Primat des Verstandes über das Gefühl.“). Mit der bekannten Blindheit der Heutigen für den sportlich langen Atem der Geschichte wird plötzlich die nächste Bundestagswahl zum größten Schicksalsentscheid aller Zeiten.

Wer dieses viel zu große, mit opulenten Bildern vollgehängte Luftschloss bewohnt und dabei glaubt, er befände sich noch auf den Boden der Tatsachen und nicht längst in dem dünnen Äther der ideologischen Tretmühlen, der muss ja irgendwann in das Nachsinnen über die Nutzlosigkeit seines Daseins verfallen.

Das Bewusstsein der Chancenlosigkeit gegenüber dem Gang der Geschichte, die ja eigentlich nie den bestmöglichen Weg nimmt und schon gar nicht den, den sich ein Denker wünscht, kommt nicht zufällig gerade in diesen Tagen stärker auf.

Es speist sich auch aus dem Blick auf die nackten Zahlen. „Selbst wenn Deutschland die Regierung Merkel im Wahljahr 2017 abschüttelte ….“ – selbst dann wird es keine Regierung geben, die den Kampf gegen den Fimmel „Untergang des Westens“ aufnehmen würde.

Das ist heute noch klarer als Anfang des Jahres.

  • Seit dem 16. Januar hat die AfD ziemlich genau 33% Umfrageanteil verloren.

Die Werte der einzigen Hoffnungsträger-Partei der Neuen Rechten gingen bei Pollytix von13,6% auf 9% zurück (Pollytix bildet einen Index aus allen seriös durchgeführten Umfragen, Stand 13.4., hat sich zuletzt wieder leicht nach oben gebogen).

Dabei hat der Kurs der AfD die „charttechnische Unterstützung“ bei etwa 10% nach unten durchbrochen.

  • Hofften die AfD-Fans Anfang des Jahres noch, über die 13%-Hürde hinauszuwachsen, womöglich nach dem Vorbild anderer europäischer Populisten-Parteien Richtung 20%, so muss man jetzt davon ausgehen, dass die 10%-Marke in etwa der neue Deckel ist.

Der Verfall ist innerhalb von nur drei Monaten eingetreten. Er könnte noch weiter gehen, zumal wenn die Selbstausgrenzer-Kommunikation noch lauter gedreht wird.

Ungünstig für die Neue Rechte sind Personalien wie  Höcke und Trump als abschreckende Beispiele und neuerdings auch Alice Weidel, die mit ihren raubtierkapitalistischen Positionen nicht sozialverträglich ist und überdies die männliche Klientel der Partei an ihre schlimmsten Alpträume von einem dominanten Hausdrachen erinnern dürfte. Dem steht Schulz mit seinem markanten Mundwerk als Volkstribun der linken Mitte beinahe strahlend gegenüber.

Und schließlich spielt eben auch eine Rolle, dass die Faszination der immer gleichen, immer übertriebenen, immer leicht nach Neu-Nazitum riechenden Negativ- und Provokationskommunikation ihre Zugkraft verliert …

… und noch mehr: Immer mehr Bürger werden sich anhand der Krawallkommunikation der AfD-Anhänger in den sozialen Medien darüber klar, dass der „Untergang des Westens“ mitnichten schon fest gebucht ist und man aus vielen Gründen der AfD nicht das amtliche Steuerrad überlassen möchte (die Dushan Wegner übrigens auch nicht für wählbar hält).

Lässt sich das alles kurz zusammenfassen?

Politischer Hass führt zu einer Propaganda-Kommunikation, die ständig die Beurteilung der Lage maßlos übertreibt. Sie treibt sich damit selbst in den Tunnel der eigenen Wut und Verzweiflung hinein.

Auf diese Weise mauert sich „Hasskommunikation“ zunehmend ein, ähnlich wie Pegida-Demonstranten mit niemanden mehr sprechen können als mit sich selbst oder Verschwörungs-Phantasierer nur ausgelacht werden.

Die AfD – und zumal die Mehrzahl ihrer Anhänger – ist den Weg in den politischen Tunnel gegangen und wird sich eventuell kaum noch daraus befreien können. Die Ablehnung der Anträge Petrys auf dem Parteitag in Köln bestätigt den Befund. (Seit Anfang des Jahres unternimmt ein AfD-Unterstützer den Versuch, einen „überparteilichen“ Zusammenschluss der Unzufriedenen in Bewegung zu bringen, auch der kann keine neue Zielgruppen mehr ansprechen).

Die AfD und ihre Social-Media-Anheizer kommen nur noch in den Momenten aus der Isolation heraus, in denen die Gesellschaft gerade von starker Aufgeregtheit erfasst ist, wie z.B. bei dem Attentat vor Weihnachten in Berlin.

Dennoch zeichnet sich ab, wie Radikalismus, Hass und Alarmismus zwar viel Aufmerksamkeit erhalten, aber in die Verinselung führen. Das zeigt auch eine Datenanalyse der Kommunikation auf Twitter:

Die Nische ist, zumindest in gewöhnlichen Zeiten, das Schicksal jedes überdramatisierenden Radikalismus. Sogar viele Autoren von Tichys Einblick halten die AfD für unwählbar, einschließlich Anabel Schunkes.

Gut möglich, dass die Hasskämpfer in den kommenden Monaten von der Melancholie über ihre eigene Wirkungslosigkeit erfasst werden. Und leider auch gut möglich, dass die Ausländer-Hasser aus lauter Frust noch gewalttätiger werden, etwa so oder so.

Aber wenn die Einsicht in die Vergeblichkeit der Unruhestiftung wächst, dann ist Platz für Erschöpfung und Deutschland könnte wieder friedlicher werden. Und diskussionsfreudiger.

Die meisten Menschen sind den ultrarechten Quatsch ja schon mehr als müde.