Startseite » Wutbürger

Schlagwort: Wutbürger

Wann kommt die Erschöpfung? (Teil 1)

Wie lange kann man Tag für Tag, Woche für Woche Polemik, Wut, Beleidigungen und Hass ausgießen? Wann ist man erschöpft davon?

Neonazis und AfD-Fans werden derzeit verunsichert. Sie spüren eine gewisse Wirkungsbegrenzung ihrer Konzepte. Wie ein Autofahrer, der bergauf fährt und trotz durchgedrücktem Gaspedal allmählich langsamer wird.

Das AfD-affine Milieu hat sich seit Herbst 2015 immer wieder selbst die Geschichte erzählt, ihre besonders rabiate Ausländerfeindlichkeit entspräche in Deutschland „der Meinung des Volkes“.

Eine Weile ging es ja auch gut voran. Brexit und Trump schienen anzuzeigen, dass viel höhere Ziele möglich wären. Auch in in Deutschland könnte eine neue nationalistische Epoche vor der Tür stehen. Ein Umbruch.

Inzwischen zeichnet sich zumindest für Deutschland ab, dass die Mitte hält und wieder stärker wird. Aber…

1. Hass ist eine nachhaltige Ressource

Liebe ist wechselhaft. An einem Tag verliebt, am nächsten vorbei.

Hass ist dagegen ein Raubfisch, der sich jeden Morgen neue Nahrung reißt.

Ein per se übertriebenes Gefühl, das weiter und weiter läuft und erst locker lässt, wenn das Hassobjekt erledigt ist – besiegt, verjagt, mundtot gemacht, ermordet.

Weil das vollständige Erledigen gar nicht möglich ist, solange man zivilisiert bleibt, entsteht ein Antrieb, den Hass wieder und wieder zu äußern, zu bloggen und zu posten.

Wegen seiner Unerschöpflichkeit erzeugt Hass die bekannten einhämmernden und meist sinnleeren Kommunikationsformen. Bots imitieren diese hämmernde Kommunikation.

Die Anlässe gehen nie aus. Wenn sie doch einmal ausgehen sollten, dann werden alte Hassvorlagen recycelt. Geschlossene Facebook-Gruppen der AfD-Fans bestehen zu einem großen Teil aus dem Posten von Hassäußerungs-Anlässen aller Art, wobei keine Rolle spielt, ob diese neu, alt, ausgeschnitten oder erfunden sind.

Richtigstellungen werden ignoriert, als wären sie unsichtbar, während andererseits jedwedes passende Gerücht ungeprüft aufgegriffen wird. „In den sozialen Netzwerken schafft sich die AfD ihre eigene Öffentlichkeit“, hat netzwelt.org zusammen mit dem Tagesspiegel gerade analysiert.

Hier liegt ein Grund, warum der ethisch unbeschränkte russische Info-Krieg gerade auf die Kreise der Hasser ausgerichtet ist und warum selbst die plumpesten Desinformationskampagnen nirgends erfolgreicher ausgesät werden können als bei denen, die auf die holzschnittartigen Weltanschauungen schon voreingestellt sind.

Der Erfahrungsbefund ist ziemlich eindeutig: Die agitatorische Subkultur der rechtsradikalen Facebook-Gruppen rund um die AfD ist in ihrer a) Trivialität, b) Aggressivität, c) Borniertheit und d) Tretmühlenhaftigkeit einzigartig im politischen Spektrum.

Der psychische Hassanteil ist auch massiv höher als auf vielen konservativ bis national gestimmten Meinungsportalen.

Hass ist als Gefühl nicht zu diskutieren und muss sich artikulieren dürfen. „Ich könnte bei dieser Frau kotzen“ ist schwer beleidigend, aber tolerierbar als Gefühlsäußerung.

Eine ganz andere Sorte sind Mordfantasien wie die, die jemand gleich darunter gepostet hat: „Ich würde mit dieser Frau ans Meer fahren, nur ich, sie und ein Sack Zement als Gepäck.“ (Quelle: eine AfD-Fangruppe)

Politische Hass-Motivationen, die sich auf Namen beziehen, also auf „Schuldige“ statt auf Ursachen, führen fast immer in eine krasse Borniertheit bzw. in den Extremismus, verbunden mit einem steigenden Drang zu Gewalttätigkeitssprache, was zumindest ein Klima der Bedrohung schafft.

„Not schlachten, dieses ungebildete Stück Scheiße. Deutsche Politik besteht nur noch aus Abschaum, Säufern, Drogenabhängigen, Kinderschändern (Pädophilen ), Inzucht-Schweinen u.v.m.“ (ebenda)

„Klima“ heißt aber nichts anderes, als dass sich die angefeindeten Personen tatsächlich bedroht fühlen, und nicht grundlos, wenn es schon Gewaltakte gegen Andersdenkende gab.

Historisch ging die Hasssprache der Rechtsradikalen tatsächlich immer wieder einher mit Mord, Totschlag, Verletzungen und schweren Verletzungsgefahren (während sich linke Hasskriminalität meistens gegen Sachen richtet). Und ohne weiteres können auch völlig Unschuldige getroffen werden (hängt dann nur von Äußerlichkeiten ab).

Aber was ist der große psychologische Haken beim Hassen als Kommunikationsform?

2. Hass ist hässlich und macht schlechte Laune

Hass speist sich aus „Unlust“ und Frust, verstärkt den Frust, verdirbt anderen das Leben.

Hass macht den meisten Menschen keinen Spaß, sondern stößt ab.

Während geteilte Liebe, wie man so schön sagt, die Liebe vermehrt, kann sich Hass nicht so einfach aus sich selbst heraus vermehren, sondern erzeugt starke Reaktanzen und „Unwohlsein“ – daher Abkehr, Widerrede, Streit und Gegnerschaft.

Deshalb finden Hasser und dogmatische Ideologen draußen auf der Straße nur schwer Freunde.

Im Netz sind die Bedingungen für Hasser allerdings günstiger. Hier fällt es ihnen viel leichter, Ansammlungen von Gleichartigen zu bilden, weil Wohnorte keine Rolle mehr spielen.

Extremisten und Hasser haben das Web sofort für sich entdeckt. Seit den frühen 80er Jahren gehörten sie zu den Vernetzungspionieren. Das erste rechtsextreme Hassprediger-Forum im Web trat 1995 in Erscheinung und existiert bis heute: stormfront.org.

Der Gründer Donald (!) Black (!) erklärte schon 1998, dass ihm die Internet-Seite die Rekrutierung von Leuten ermöglichte, die er sonst nie erreicht hätte. Und das zu sehr geringen Kosten und ohne Behinderungen durch Polizei oder andere Staatsorgane.

Die Freundefinder-Funktion des Netzes ist auch heute noch ein zentraler Vorteil für Agitatoren mit radikaler Agenda, zum einen weil damit auch kleine Gruppen Größe simulieren können, zum anderen wegen der Bindekraft durch die soziale Unterstützung, die man dort bekommt, während man z.B. in Verein oder am Arbeitsplatz eher isoliert bleibt („mit den meisten Menschen ist es nicht möglich, über das Thema zu sprechen“).

  • Ein Internet frei von Hass hat es also nie gegeben und dürfte es vermutlich auch nie geben.

Nicht zuletzt dank Facebook sind die Hasstrommler allerdings inzwischen direkt im zentralen Sichtfeld der Gesellschaft angekommen, was praktisch demokratische Architekturen durchaus fragiler macht, abhängig davon, wie hoch das Krisenthermometer gerade nach oben saust.

Der Nutzen der Vernetzung für aggressive Extremisten wurde schon früh beobachtet. James Adams, Washington-Korrespondent der Sunday Times, hob 1997 als wesentliche Veränderung des politischen Lebens seit 1992 hervor:

“The arrival of the Internet has provided the first forum in history for all the disaffected to gather in one place to exchange views and reinforce prejudices. It is hardly surprising, for example, that the right-wing militias‘ favorite method of communication is e-mail and that forums on the Internet are the source of many of the wild conspiracy theories that drive the media. … Such is the level of distrust and disgust, that people outside Washington see their nation’s capital as a home to a group of self-serving politicians whose work is largely irrelevant to the lives of ordinary working folk.”

Nur zwei Jahre später, 1999, schrieb Michael Whine in einer der ersten wissenschaftlichen Studien zu dem Thema:

“Two of the groups which have quickly grasped the advantages of networking via the new information technologies are the Far Right and Islamic fundamentalists. The Far Right is increasingly active in the U.S.A. and Europe and seeks to return to some imagined past world in which an armed, racially pure, white man can live untroubled by the police, the Inland Revenue, and the world banking system.”

Der Nutzen von unmoderierten Plattformen für aktivistische Extremisten hat sich in den vergangenen Jahren auch in Deutschland erwiesen.

Als die NPD in Wahlen schon überhaupt keine nennenswerte Größe mehr war und kontinuierlich dünnere Ergebnisse erzielte, glänzte sie auf Facebook als erfolgreichste und aktivste Partei – auch ein Beweis dafür, dass hassartige Motivationen im Netz mehr Land erobern können als im „realen“ Leben:

  • Im ersten Halbjahr 2014 lag die NPD mit 1,2 Millionen Interaktionen deutlich auf Platz 1, auch beim Wachstum der Follower.
  • Auf Platz 2 lag damals bereits die AfD mit 800.000 Interaktionen, …
  • … auf Platz 3 lag weit dahinter die SPD mit 200.000 Interaktionen.

Solche Social-Media-Erfolge sind das Ergebnis (1) einer engagierten Organisation und Betreuung der Seiten, (2) von einem trickreichen Simulieren der eigenen Bewegungsgröße, (3) einer Klientel, die genug psychische Energie mitbringt („Wut“, „Hass“, „Ärger“), um wieder und wieder auf die gleichen drei oder vier Themen einzusteigen.

Hat sich das Extrem-Milieu erst einmal gefunden, kann Hass die entscheidende Ressource sein, um stabile, schlagkräftige Gemeinschaften zu stiften.

Hass erfordert kein Nachdenken, um sich zu äußern, und erlaubt den Mitgliedern, im Gefühl, sozial gestützt zu sein, über andere herzuziehen, sie zu beleidigen, zu verleumden, fertig zu machen.

Man bekommt sogar Likes, wenn man „nur so“ phantasiert, wie man verhasste Menschen erledigt.

Konsequenz: Von Hass getragene politische Bewegungen können sich im Netz besser solidarisieren und leichter die Bereitschaft für Gewalt wecken.

Ist dies der Grund, warum das Gewalttätigkeitsgerede nicht ohne Weiteres vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sein kann? Sogar Rechtsextremisten kennen die Wort-Tat-Problematik, z.B. wenn sie ein viel schärferes Vorgehen gegen salafistische Hass- und Terrorprediger fordern.

Ich vermute allerdings, für das Wachstum der Hassgruppen gibt es eine Grenze. Der Hass steckt nicht alle an, sondern nur die, die schon gefrustet sind. Bei anderen erzeugt die Gewalttätigkeitssprache eher Ablehnung und diskreditiert sogar Positionen, die in anderer Redeweise eventuell diskutierbar wären.

Die Kehrseite der variationsarmen Negativ-Kommunikation ist, dass sie mit der Zeit ihre Agitatoren erschöpft und die Leser ermüdet, nämlich sobald die Menschen merken, dass es nicht mehr weiter voran geht, dass der Hass „hohl dreht“, dass die ganze tägliche Aktivität nichts mehr bringt.

Die Abnehmer werden überdrüssig, verschwinden und neue Zuhörer werden nicht mehr erschlossen …

(Teil 2 gibt es am Donnerstag hier auf Vox Populisti. Dort geht es um Anzeichen, dass die Dauerhass-Kommunikation ihre Protagonisten bereits nicht mehr stärkt, sondern eher schwächt.)